two minutes retuned
für Tonband (2005, ~42´)

Der Titel des Stücks bezieht sich auf einen Teilaspekt des kompositorischen Verfahrens: Ausgangspunkt ist eine zweiminütige Aufnahme, deren klangliche Verarbeitung unter anderem Veränderungen der Tonhöhen nach sich zieht.
Bis auf die Abmischung entstand das Werk unter Verwendung der Klangsynthesesprache SuperCollider, die ich während meines Studiums am IEM Graz bei Alberto de Campo kennenlernte. SuperCollider ist eine Programmiersprache, die neben allen üblichen mathematischen und logischen Operationen klangerzeugende Objekte zur Verfügung stellt. Wenn von Algorithmen im Zusammenhang mit Komposition die Rede ist, sollte beachtet werden, dass es sich dabei um einen Oberbegriff handelt, der sich auf Klangsyntheseverfahren und auf Verfahren zur Erzeugung von Steuerdaten (z.B. für ebendiese Klangsyntheseverfahren) beziehen kann. Innerhalb von SuperCollider ist beides möglich, die Definition von klangerzeugenden Objekten ("Synths") und ihr Aufruf, bzw. ihre Modifikation mittels Sequenzen von Zeitdaten und Steuerdaten.
Hier habe ich mit einem doppelten Syntheseverfahren experimentiert: Mit einem primären Synthesizer (einer Art von simuliertem Saiteninstrument) wurde eine Sequenz von zeitlich äquidistanten Ereignissen (quasi gleichmäßige Achtel) erzeugt. Anschließend wurde diese Aufnahme mittels Granularsynthese (d.i. die Häufung von Klangpartikeln eines Ausgangsmaterials zu einer "Klangwolke") verarbeitet. Die Entwicklung des ersten Syntheseinstruments geschah dabei meist indirekt, nämlich mit Rücksicht auf die Resultate der Granularsynthese. Einige Eigenschaften der mit dem primären Synthesizer erzeugten Aufnahme wurden ebenso durch Experimente der granularen Verarbeitung angeregt: Registerkontraste, harmonische Disposition (modal mit Zufallsabweichungen) und klangliche Differenzierung der einzelnen Ereignisse. Ab einem gewissen Punkt nahm ich das Ausgangsfile als gegeben an und experimentierte nur mehr mit den Möglichkeiten der Granularsynthese. Einzelne Abschnitte entstanden nun durch ähnliche algorithmische Ansteuerungen des Granularinstruments im Hinblick auf die Bildung formaler Zusammenhänge.
Eine große Vielfalt von Steuerungsmöglichkeiten in SuperCollider ergibt sich durch die Kombinierbarkeit von stetigen und unstetigen Steuerungen. Beispielsweise ist das empfundene "Tempo" hier hauptsächlich abhängig von der Geschwindigkeit, mit der sich die Granularwolke durch die Aufnahme bewegt, weiters aber auch von der Lesegeschwindigkeit (gleichmäßige Achtel wurden gerade gewählt, um die Möglichkeiten der rhythmischen Gestaltung wenigstens auf den Granularsynthesizer zu beschränken). In diesen und anderen Parametern des Granularinstruments sind kontinuierliche Veränderungen (z.B. Oszillationen), aber auch Sprünge möglich - der Freiraum für Experimente und ästhetische Entscheidungen hängt somit wesentlich mit den Vorentscheidungen für bestimmte Datentypen zusammen, die mit kontinuierlichen bzw. diskontinuierlichen Steuerungen einhergehen.

Das Projekt wurde mit Unterstützung von SKE, Bundeskanzleramt / Sektion Kunst und GesFEMA realisiert.

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